"noli me tangere" - begegnung von fremdlingen zwischen himmel und erde


Friedhofsangestellte sind bemerkenswerte Menschen. Der eintretende Priester wird respektvoll ignoriert. Nur selten ergibt sich ein Gespräch.

Und wenn:
1. Der harte Boden, der es schwer macht, die Gräber auszuheben (im Winter).

2. Die Hitze und die immer grotesker werdenden Ansprüche der Hinterbliebenen (im Sommer).

Das ist alles.

Nein, halt: Manchmal ein Blick in die Weite, so dass sich der Gesprächspartner fragt,  ob sein Gegenüber vergessen hat, dass man noch da ist und sich nicht in Luft aufgelöst hat. Man bleibt - ein Fremdling.

Nur dieses eine Mal steht der Landpfarrer nach getaner Arbeit lange vor dem Bildnis in der Trauerhalle. Einfach so. Und da platzt es aus NN heraus: "Schaue se mol, hier, dieser Schatten ('Schadde') auf den Blumen ('Blumme). Das malt der nicht an einem Tag ('Taach')". Und so weiter.

Da vergaßen beide die Zeit. Und schauten.

Sie sind wohl auch vom Fach? (Wie kann man eine solche Frage stellen, das geht zu weit. Doch - zu spät)

Abwesendes Nicken. Das hat er garnicht gehört: Was will dieser Fremdling hier eigentlich?

Der Kunstliebhaber Hermann Göring habe das Bild schon aus dem Rahmen entfernen lassen und es in einen Waggon verfrachtet auf dem Hauptbahnhof. Doch des Nachts hatte der Vorvorvorgänger von NN. den Waggon geknackt, das Bild  in Ölleinwand versiegelt und eingegraben. Bis der Krieg vorüber war. Dessen Tochter (95) sei nun die einzige, die das noch wüsste: Dass ihr Vater sein Leben riskiert hatte für dieses Bild. "Und ich natürlich" ("nadeerlisch").

Der Landpfarrer staunt. So viele Worte wurden die vielen Jahre zuvor nicht gemacht - alle zusammengezählt. Ob diese kleine und kostbare Geschichte es nicht verdient, weitergegeben zu werden?

Christus und Magdalena. Es ist genau dieser Blick in die Ferne, der uns so berührt. Voller Hoheit. Abwesend und dennoch zugewandt. Wenn er nicht so zugewandt wäre, würde er uns dann zeigen, was das Geheimnis unserer Erlösung und seiner Liebe ist: Ein Gott mit Wunden?

Der nächste Eintrag erscheint am 08.06.



Journal d’un curé de campagne - Teil I


Ich glaube, ich tue nichts Böses, wenn ich Tag für Tag mit uneingeschränkter Offenheit die höchst bescheidenen und unwichtigen Geheimnisse eines Lebens niederschreibe, das gar keine Geheimnisse hat. 


Was ich zu Papier bringen werde, könnte doch dem einzigen Freunde, mit dem ich manchmal noch offen rede, kaum etwas Neues sagen, und im übrigen fühle ich deutlich, dass ich niemals wagen würde niederzuschreiben, was ich fast jeden Morgen, ohne mich zu schämen, Gott anvertraue…. 

Man müsste mit unerbittlicher Härte von sich selbst reden. Und wie kommt es, dass – sobald man sich nur Mühe gibt, sich selbst zu erfassen – dies Mitleid da ist, diese zärtliche Rücksicht („cette pitié, cette tendresse"), dies Nachgeben aller Fasern der Seele und diese Lust, in Tränen auszubrechen? 


Das „Journal d’un curé de campagne“ von Georges Bernanos von 1936 gab diesen Aufzeichnungen nicht nur den Namen. In der Gestalt des ungenannten Tagebuchschreibers, der in vielem eine zeitgenössische Übertragung des Jean Marie Vianney in das 20. Jahrhundert zu sein scheint, finden sich in prophetischer Weise Züge des priesterlichen Dienstes unserer Tage vorausgebildet: Einsamkeit, Sehnsucht nach Erlösung, Feindseligkeit und eine verborgene Schönheit, die sich nur dem Hörenden, Stillen erschließt.

Wir wollen  dem geneigten Leser in loser Folge einige Aufzeichnungen dieses früh vollendeten Priesters (der in jungen Jahren mit den Worten „tout est grâce“ – "alles ist Gnade" auf den Lippen verstarb) präsentieren. 

Bild: Die Begegnung des Heiligen  Pfarrers mit dem Hirtenjungen - Statue vor den Toren der Stadt Ars. "Ich werde dir den Weg in den Himmel zeigen" - dass dies die vorrangige Aufgabe der Priester zu aller Zeiten ist, scheint in vielen Regionen der Erde nahezu vergessen.

Der Nächste Post erscheint am 11. Mai.

habemus papam

...Ganz egal, wie unmöglich oder unwahrscheinlich es auch sein mochte, je länger Christian darüber nachdachte, desto mehr erkannte er, dass eine echte Thronbesteigung des gefallenen Engels an einem so heiligen Ort vieles von dem erklären würde, was ihn verwundert und entmutigt hatte: Die Vergewaltigung des Vatikan im Namen des äußersten, Fleisch gewordenen Bösen würde den Verlust der Gnade erklären durch den Einfluss des großen Feindes gegen Gott und Mensch...

...Es würde die offensichtliche Ohnmacht des Papstes erklären, die Dokumente des Zweiten Vatikanums mit den Doktrinen und Traditionen der Kirche in Übereinstimmung zu bringen...

"In diesem Augenblick der Geschichte, Heiliger Vater ... steht nur mehr ein Mann zwischen uns und dem absoluten Bösen unseres ewigen Widersachers. Als Papst sind Sie der Schild, den Gott zwischen uns und Luzifer gestellt hat.

Euer Heiligkeit sind kein gewöhnlicher Mann. Euer Heiligkeit sind der einzige menschliche Vertreter des Allmächtigen auf Erden. Warum sonst sollten wir Sie, einen sterblichen Menschen, unseren Heiligen Vater nennen, wenn nicht wegen dieses sakrosankten und heiligen Amtes? Sie persönlich sind dazu verpflichtet, gegen den Hauptwidersacher Ihres Königs zu kämpfen. Aber jetzt wurde der Widersacher dort inthronisiert, wo eigentlich das Allerheiligste sein sollte. Er ist in jenem Haus eingesetzt worden, in dem Sie leben."
(Malachi Martin, Der letzte Papst)

(Das Pathos Martins hatte ihn zunächst abgeschreckt. Jedoch: Je mehr er in dessen Schriften las, desto mehr bewegte ihn die übernatürliche Sicht des Amtes - eine Sichtweise, die in der gegenwärtigen Beurteilung der Amtsträger nahezu vollständig abhanden gekommen war.

Und noch etwas berührte ihn: In seinem Dienst der Befreiung hatte Martin die dunklen Seiten der übernatürlichen Welt kennengelernt. Man merkte auf Schritt und Tritt seine Kenntnisse über die Einflüsse des Bösen. Und - weil die Dämonen nicht selten geschwätzig sind - hatte er so manches in Erfahrung bringen können, was er hinter dem Schleier seiner Romane erkennen ließ.)

Der nächste Eintrag erscheint am 13.04.2013

einfach so - Teil III

"...wenn Sie in diesem Zusammenhang die Männer ansehen, die in Rom Papst werden wollen, sind Sie dann nicht auch der Letzte, der in der Lage ist, die heilige Basilika und den Vatikan von allen Spuren der Inthronisation Luzifers zu reinigen?"
...
"...ist es dann nicht Ihre Pflicht, den ältesten Feind der menschlichen Rasse zu bekämpfen? Dann kann es nicht sein, Heiliger Vater, dass Sie sich abwenden. Dass Sie sich weigern, die einzigartige Macht auszuüben, die Christus Ihnen verliehen hat."
...
"Treten Sie zurück, wenn Sie wollen, Heiligkeit. Aber noch nicht jetzt! Um Ihrer eigenen unsterblichen Seele willen können Sie uns nicht nackt und schutzlos zurücklassen um dem gefallenen Engel gegenüberzutreten, der nach Petri eigenen Worten uns alle verschlingen will wie ein ausgehungerter Löwe. Sie können nicht daran denken, uns unter diesem Ansturm des Bösen zurückzulassen. Sie können sich nicht aus dem Papstamt verabschieden in dem Wissen, dass Sie dem größten aller Feinde die Herrschaft überlassen haben."
(Malachi Martin, Der letzte Papst 762)

Er hatte sich strenges Kommentarfasten auferlegt und war ohnehin der Meinung, dass er nichts zu sagen habe  im gegenwärtigen Augenblick. Im übrigen hatte ihn das apokalyptische Pathos von Malachi Martin schon bei der ersten Lektüre vor vielen Jahren eher unangenehm berührt.

Doch dann der fragende Blick von NN. auf den hellen Fluren des Hospitals:

"Und? Was sagen Sie dazu?"

Er biss sich auf die Lippen. Einmal im Leben die Klappe halten, dachte er. Und zuckte unentschlossen mit den Schultern.

Aber NN. war heute ganz gegen seine Gewohnheit gnadenlos:

"Der kann uns doch nicht einfach im Stich lassen."

Er lenkte das Gespräch auf unverfängliche Nebengleise. Jaja, das Älterwerden. Nicht einfach usf.

Draußen schneite es noch immer. Der Winter wollte nicht enden dieses Jahr.

So schien es ihm.

Bild: Die modernen Gesundheitsfabriken sind die Kathedralen der Postmoderne. Eine beinahe sakrale Aura umgibt diese Hallen, in denen dem Gott der Gesundheit Opfer dargebracht werden und weißbekittelte Hohepriester lautlos wandeln.

Der nächste Post erscheint am 16.03.

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