ein brief - teil fünf


Verehrte, liebe Gläubige in den Landpfarreien,

in letzter Zeit wurden wieder einmal "Reformen" des kirchlichen Lebens verlangt. Die Forderungen sind allesamt seit Jahrzehnten bekannt und wurden auf allen Ebenen erörtert. Man kann also nicht ernsthaft behaupten, dass z.B. die Themen Priestertum der Frau, Kommunionempfang für Menschen, die außereheliche Sexualität praktizieren oder Abschaffung des Zölibates in unserer Kirche nicht diskutiert worden wären. Wenn der Papst der Dialogverweigerung bezichtigt wird, so mag es daran liegen, dass die entsprechenden Dokumente nicht zur Kenntnis genommen wurden oder - was wahrscheinlicher ist - dass man sich über das Recht des Papstes ärgert, in diesen Fragen das letzte Wort zu haben.


Im übrigen wäre es in meinen Augen ehrlicher, wenn die  Verantwortlichen der Kirche sich eingestehen würden, dass die geforderten "Reformen" in den deutschsprachigen Ländern  zwar nicht de jure, wohl aber de facto im Großen und Ganzen längst umgesetzt sind. 


Hierzu einige Beispiele:
  • Demokratie I: Die neuen pastoralen Strukturen haben den Leitungsdienst des Pfarrers bereits bis zur Unkenntlichkeit verwässert. Dazu habe ich Ihnen bereits an Weihnachten einen Brief geschrieben.
  • Demokratie II: Beispiele aus der Diözese Linz oder auch neuerdings aus Limburg zeigen darüber hinaus, dass der Papst nicht mehr in der Lage sein wird, einen Bischofskandidaten durchzusetzen, der nicht dem "mainstream" entspricht. Das Volk (bzw. die Medien) ist also an Bischofsernennungen de facto längst maßgeblich beteiligt.
  • Sexuallehre I: Die Akzeptanz außerehelich gelebter Sexualität ist im kirchlichen Raum weitgehend etabliert. In den Pfarreien gehen wiederverheiratete Geschiedene zur Hl. Kommunion, und die Priester wissen, dass das dem Wunsch der meisten Bischöfe entspricht. 
  • Sexuallehre II: Diese Entwicklung wird gefördert durch sogenannte "Valentins-Feiern", in denen "Verliebte" gesegnet werden - ganz gleich, ob es sich hier um Verheiratete oder homo- bzw. heterosexuelle Pärchen handelt. Ich kenne Paare, die sich den kirchlichen Segen bei einer solchen "Veranstaltung" holen, weil sie kirchlich nicht heiraten können.
  • Zölibat: Es ist kein Geheimnis, dass Priester, die in einer mehr oder weniger offen eingestandenen Beziehung mit einer Frau leben, in der Regel keine Schwierigkeiten bekommen - im Gegenteil. Wenn sie sich vor ihren Gemeinden "outen", ernten sie in der Regel größten Respekt. Ist das nicht ein Weg, die Abschaffung des Zölibates durch die Hintertür zu betreiben?
  • Liturgie: Dass die Liturgie unserer Gemeinden im Traditionalismus erstarrt (wie uns die Reformer glauben machen wollen) kann niemand ernsthaft behaupten. Im Gegenteil ist die liturgische Einheit in Gefahr, durch Sonderwege und Sonderriten auseinanderzubrechen. Der neue Messritus stellt durch seine unscharfen Konturen eine Versuchung zum Subjektivismus und zur Experimentierwut dar, der sich viele Gemeinden nicht entziehen können.
  • Frauenpriestertum: Einzig die Zulassung von Frauen zum kirchlichen Amt ist also eine noch uneingelöste Forderung. Allerdings hat man in vielen Bistümern die Sendungsfeier für Laientheologen dem Weiheritus derart angeglichen (bis hin zum "adsum" und der Überreichung des Evangeliars), dass ein Außenstehender die Unterschiede mit bloßem Auge kaum noch zu erkennen vermag. Ist das nicht die Einführung des Diakoninnenamtes durch die Hintertür?
Im Zusammenhang mit dem von den Bischöfen angestoßenen "Dialogprozess" war aus dem Mund eines deutschen Kardinals zu vernehmen, man müsse in der Kirche jetzt "mutig" die heißen Eisen wie Sexuallehre der Kirche und das Thema "viri probati" angehen. Bei allem Respekt: Welchen Mut erfordert es in der deutschen Kirche, solche Forderungen zu erheben? Die Zustimmung der meisten Katholiken inklusive der Medien ist den Reformern doch sicher. Braucht man hierzulande tatsächlich Mut, um den Papst zu kritisieren?


Gilt nicht vielmehr das Umgekehrte: Priester, die sich diesen Entwicklungen mit verzweifelter Kraft entgegenstemmen, werden belächelt und in die rechte Ecke gestellt. Das ist nicht nur ungerecht, sondern auch töricht. Denn: Wer die Position des Papstes (und damit auch alle Konzilien) als "reaktionär", "konservativ" oder gar "rechts" bezeichnet, übernimmt kritiklos die Begrifflichkeit dieser Welt. Die Welt ist aber nach den Worten Christi überhaupt nicht in der Lage, die Geheimnisse des Glaubens zu beurteilen, weil ihr dazu jene Gnadengaben fehlen, welche die Voraussetzung für eine angemessene Scheidung der Geister sind. Oder würde jemand ernsthaft den Herrn der Kirche als konservativ bezeichnen, weil er seine Jünger aufgerufen hat, "alles" (und damit auch ihre bürgerliche Existenz in Ehe und Familie) zu verlassen? Würde man ihn "reaktionär" nennen, weil er  auf die Unauflöslichkeit der Ehe hingewiesen hat? 

In meinen Augen sind diese kirchenpolitischen Betrachtungen (zu denen ich mich nun auch habe hinreißen lassen) ein Ablenkungsmanöver. Viel wichtiger wäre es, die Gläubigen in diesen Heiligen 40 Tagen zur Umkehr, zum Gebet und zum Empfang der Sakramente aufzurufen. Dennoch danke ich allen, die diesen Blog verfolgen, für ihre Aufmerksamkeit. Er will darauf hinweisen, dass es rational nachvollziehbare Gründe dafür gibt, sich auch in einer skandalgeschüttelten Kirche gegen den Strom des Zeitgeistes zu stellen. Und dazu braucht es tatsächlich etwas Mut.


Gott segne Sie in dieser Gnadenzeit der Heiligen 40 Tage!


Ihr NN, Landpfarrer


Bild: Auch im Vogelsberg (wo der Landpfarrer zuweilen auf Spurensuche geht) gibt es das erste Frühlingslicht. In der Fastenzeit erscheinen auf diesem Blog einmal die Woche kurze Hilfen für die Vorbereitung auf Ostern - mehr nicht. Wir sollten die Tage nutzen, um ins Schweigen zu gehen. Denn niemand weiß, wieviel Tage der Herr ihm noch zugemessen hat.















13 Kommentare:

Maria_A hat gesagt…

Zustimmung!

Brumsel hat gesagt…

Amen!

Roger hat gesagt…

Deo Gratias!

AGi hat gesagt…

Es bedarf wirklich keinerlei Mutes dem sog. Zeitgeist zu entsprechen und der breiten, weltlich begrenzt denkenden, persönliche Interessen in den Vordergrund stellenden volksmasse nach dem dem oft zu (vor) lauten Mund zu reden , und sich danach noch von eben dieser umjubeln zu lassen.
Daher sollten wir jedem von Herzen danken, der den Willen Gottes unbeirrbar im Blick behält, und alle Kraft aus seinem Glauben schöpft die es heutzutage braucht, um die wahrhaftige Wahrheit verkünden zu können. Lassen wir uns nicht von kaputtanalysierenden Flachdenkern in die Ecke drängen und auf -der Kirche unwürdige- endlose, und letztlich unfruchtbare Diskussionen ein. Beten wir dafür, daß Gott unseren Glauben stärkt, so daß unsere Kirche diese Zeiten übersteht.
Tausend Dank, mein lieber, mutiger Landpfarrer!

vaticanus hat gesagt…

Und das Allerverrückteste: Nicht nur, dass vieles bei uns durch die Hintertür schon so gehandhabt wurde. Bei den Evangelischen ist das alles mehr oder weniger ja genau so umgesetzt - aber auch dort gibt es nun nicht gerade "blühende Landschaften". Wie wenig gesellschaftliche Relevanz diese ganze Diskussion überhaupt noch hat, sieht man auch daran, dass schon jetzt niemand mehr darüber redet.

Vom Glauben ganz zu schweigen.

HLT hat gesagt…

Vaticanus, teilweise stimme ich Ihnen als Protestantin zu - auch wir haben zum Beispiel einen Pfarrermangel. Aber zumindest ein Problem haben wir nicht - nämlich das Leid, das durch das Zwangszölibat in manchen katholischen Pfarrhäusern herrscht.

Anonym hat gesagt…

Zölibat ist eine Berufung und kein Zwang.

lg
Märilu

HLT hat gesagt…

Na um so besser - dann wäre das doch erst recht ein Grund, es jedem freizustellen, ob er zölibatär leben will...

vaticanus hat gesagt…

ich grübele und grübele, aber mir ist tatsächlich noch kein Priester begegnet, der sich eines Tages als junger Mann in eine dunkle Kneipe verirrt hat, dort von bößen Männern unter den Tisch gesoffen wurde - und sich nach dem Aufwachen in einem Priesterseminar wiederfand, wo man ihm einen Vertrag unter die Nase hielt, wonach er sich mit seiner Unterschrift zum Zölibat verpflichtete. Es gibt keinen Zwangszölibat: Die machen das FREIWILLIG! Aus Überzeugung...wirklich!

Anonym hat gesagt…

Seit wann untersteht eine Berufung dem Willen des Menschen? :o)

Es ist Gott, der beruft und die Berufung untersteht dem Willen Gottes.

Jedem, der das Vater Unser wahrhaftig betet, sollte das bewusst sein.

Zum Zölibat Berufene gibt es viele, nicht nur die Priester und Ordensleute.

Zur Ehe Berufene gibt es auch viele...

Die Priester werden wiederum aus den Reihen der Zölibatären in das Sakrament der Weihe geholt.

Ist denn das Leid, das in den Häusern der zur Ehe berufenen "herrscht" ein Grund, die "Zwangsehe" zu beenden?

Wie indiskret soll das denn noch werden? Wer will sich in das "Liebesleben" eines Ehepaares von außen einmischen - wer in die Liebesbeziehung eines Zölibatären zu Gott?

Und überhaupt "das Leid"....

lg
Märilu

HLT hat gesagt…

Und was ist mit den Priestern, die heimlich mit einer Frau zusammenleben und heimlich Kinder haben?

Schicksal? Doch nicht "wirklich" Berufene?

Brevierbeter hat gesagt…

Heimlichtuerei widerspricht dem Evangelium ("Euer 'Ja' sein ein 'Ja' und Euer 'Nein' sein ein 'Nein'). Ich würde also auf "Doch nicht "wirklich" Berufene?" plädieren. Andererseits: auch "wirklich" Berufene können bei Versuchungen schwach werden.
Nein. Ich wage hier kein Urteil.

Funke hat gesagt…

"Es gibt keine Schande, zu welcher die Angst, nicht modern zu erscheinen, den heutigen Menschen nicht verleiten würde." Nicolás Gómez Dávila

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