spurensuche - teil zwei


Im Dorf mochten sie NN nicht sonderlich. Er habe in seinem Leben nie etwas Ordentliches gearbeitet und sei ein Schwätzer, ein Kommunist und außerdem kein Kirchgänger - sagten sie.

Gründe genug für den Jugendlichen, das abgelegene Hexenhäuschen in den Ferien aufzusuchen. Wenn der Alte im Kerzenschein sein Weinglas  erhob (Fernsehen, Radio oder elektrisches Licht hatte er nicht), kam ihm das wie eine Initiation vor.

Oft sprachen sie bis nach Mitternacht. Vieles verstand er nicht. Das Pathos der Wandervogelbewegung blieb im fremd. Auch NN's beinahe bernhardesk* wirkende Hassliebe zur Kirche. Wie tief musste der "Kölsche Jung" vom Katholizismus geprägt sein, dass er sich lebenslänglich daran abarbeitete? Die Kirche blieb seine Mutter - er kam nicht los von ihr.

Eines jedoch verstand er: Hier verneigte sich eine Epoche, die mit ihren Idealen gescheitert war (und dies offen zugab), vor einem Heranwachsenden. Und dies in einer Mischung aus Neugier und Respekt - Haltungen, die der Landpfarrer nach seiner Bekehrung im kirchlichen Milleu oft vermisste. Dort verteidigte ein alterndes Establishment verbissen die "Aggiornamento-Kirche", deren Scheitern selbst von der nichtkirchlichen Öffentlichkeit längst erkannt worden war. Und mit allen Mitteln - mit Druck von "unten" und mit der Aussicht auf ein Pöstchen von "oben" - wollte man die Jungen zu Statisten einer Lebenslüge machen.

Diese nächtlichen Gespräche - sie waren mein Noviziat, betrachtet er das vergammelte Häuschen, das nun von einer raffgierigen Erbengemeinschaft als "Ferienhaus" (welch ein Wort) genutzt wird. Sie haben mich mehr gelehrt als die Peinlichkeiten meiner Seminarerziehung. Ein Ex-Kommunist - er hat mich die entsagungsvolle Haltung gegenüber der jungen Generation gelehrt. Dafür bin ich ihm ewig dankbar.

Kurz vor seinem Tod folgte NN dem mittlerweile kurzgeschorenen Seminaristen  noch einmal in den Dom zu einer Liturgie. Der sonst so Gesprächige - blieb eigentümlich stumm. Er schaute wie ein ratloses Kind, dass seine Mama verloren hat und nur noch nach Hause will. Diesen Blick - wird er nie vergessen.

Wo ist NN nun? Möge auch er nach Hause gehen dürfen - die Mama wartet. Danke, Immaculata. Auch die Störrischen - sie sind und bleiben doch deine Kinder.


* Thomas Bernhard (1931-1989), österreichischer Schriftsteller.







5 Kommentare:

AGi hat gesagt…

Eindrucksvoll und sehr nachdenklich stimmend, dieser kurze Einblick in sein Leben.
Bestimmt hat NN sie einmal geliebt, daher kam er nicht mehr los von ihr, die stets in liebender Strenge hinter ihm stand, geduldig abwartend, die Zweifel aushaltend, bereit über jedes Bangen hinweg zu trösten. Beten wir dafür, daß er die Mutter wieder gefunden hat und nun voller Frieden in ihren Armen geborgen ist.

ginevra hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
jolie hat gesagt…

@ginevra:
habe ihren kommentar mir freude vernommen. sicher verstehen sie, dass ein seelsorger im internet vorsichtig sein muss, wenn es darum geht, in diesem tagebuch auch lebende personen zu erwähnen. im übrigen rührt mich ihre anteilnahme und die frage nach der gegenwart. um das zu klären, eignet sich das internet sicher nicht, und auch fb hat da seine grenzen. sollten sie in der nähe wohnen, komme ich gerne mal vorbei :))

Jörg aus LEV hat gesagt…

Man mag gar nicht glauben wollen, dass es diesen Landpfarrer wirklich gibt - so klar in seinen Gedanken und doch so sanft in seinem Urteil, so klar in seinem Urteil - so mitfühlend in seinen Gedanken!

Anonym hat gesagt…

Es gibt ihn wirklich, Gott sei Dank!!!

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