Ein Brief - Teil VIII

Liebe Gläubige in den Landpfarreien,
ich wollte sie zunächst verschonen mit einer Nachbetrachtung zum Deutschlandbesuch unseres geliebten Heiligen Vaters, Papst Benedikt XVI. Schließlich gab es hier und dort auch sehr Gutes und Erleuchtetes dazu zu lesen. Nach einer Zeit des Nachdenkens und Betens gestatte ich mir dennoch einige Anmerkungen und bitte Sie um Verständnis.

  • Im Vorfeld seiner Reise wurde der Papst mit einer Reihe von Forderungen konfrontiert. Hierbei ging es - neben dem Wunsch nach einer allgemeinen Liberalisierung und Demokratisierung des kirchlichen Lebens - insbesondere um die Zulassung von Frauen zum geweihten Amt sowie um die Zulassung von Nichtkatholiken und wiederverheirateten Geschiedenen zur Heiligen Eucharistie. Schließlich erhofften sich nicht wenige ein Signal des Papstes im Hinblick auf die Aufhebung des sogenannten "Pflichtzölibats".
  • Diese Forderungen, die mehr oder weniger verklausuliert im sogenannten "Theologen-Memorandum" (Februar 2011) erhoben wurden, fanden ihren Niederschlag auch im "Dialogprozess", zu dem die Deutsche Bischofskonferenz mehrere hundert Gremienvertreter nach Mannheim (Juli 2011) eingeladen hatte. Sicher war dieses Zusammentreffen nicht ganz zufällig. Was würde der Papst sagen angesichts der Übermacht derer, die nach einer Veränderung der kirchlichen Lehre und Disziplin verlangten? In der öffentlichen Meinung war klar: Die überwältigende Mehrheit der Deutschen drängt auf Reformen.

  • Mittlerweile hatten auch einige Bischöfe ihre Sympathie für die Anliegen der Reformer entdeckt: Bischof NN [Anm.: die Namen tun hier nichts zur Sache, die Quellen liegen natürlich vor] z.B. sagte, er werde Priesterinnen "wohl nicht mehr erleben" (einer seiner Nachfolger offenbar schon?), ein Amtsbruder war hingegen überzeugt, dass er die Änderung der Sakramentenspendung an wiederverheiratete Geschiedene sehr wohl noch erleben werde; wieder ein anderer ließ verlauten, dass die deutschen Bischöfe bei den o.a. "Reformthemen" (ausdrücklich nannte er das Diakonat der Frau und die Zulassung der wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion) Vordenker sein sollten, um dann mit ausgearbeiteten Vorschlägen in "Rom an die Tür zu klopfen." Undsoweiter undsofort.
  • Dass der Papst bei seinem Besuch in Deutschland die sogenannten "Reformthemen" und auch den "Dialogprozess" mit keinem Wort erwähnte, hätte dann doch den einen oder anderen nachdenklich machen können. Merkwürdigerweise war es aber eher die kirchenferne Presse, die messerscharf folgerte, dass der Papst wohl nicht gerade auf der Seite der Reformer steht, im Gegenteil: "Papst lässt Reformkatholiken enttäuscht zurück", so titelten mehrere weltliche Blätter. Ratlosigkeit allerorten?

  • Die Vollversammlung der deutschen Bischöfe (September 2011) hingegen sieht sich - man höre und staune - auf der ganzen Linie ermutigt, bestärkt und bestätigt. Dass der Papst den "Reformprozess" in Deutschland nicht erwähnt habe - so hören wir aus bischöflichem Munde - sei wie folgt zu erklären:
    1) Bereits im August 2011 - so Bischof NN - habe der Papst grünes Licht für den Dialogprozess gegeben.  Das päpstliche  Schweigen sei deshalb als Zustimmung zu deuten. Eine kühne These mit Verlaub, wenn man bedenkt, dass der Dialogprozess bereits im Herbst 2010 beschlossene Sache  und im August 2011 schon in vollem Gange war. Wozu gab der Papst grünes Licht und warum denn noch?
    2) Der Papst habe bei seinem Besuch in Deutschland zwar nicht offiziell, wohl aber beim Mittagessen (!) zum Dialogprozess ermutigt, so ein anderer Bischof. Von daher wüssten doch jetzt alle, dass der Papst hinter diesem Prozess stehe. Nochmals mit Verlaub: Ist diese Äußerung ernst gemeint?
Der geneigte Leser dieser Zeilen wird sich seinen Teil denken. Aber: Wie aber wird es nun weitergehen? 
  • Viele haben noch nicht gemerkt, dass der positiv besetzte Begriff der "Reformen" nun untrennbar mit den o.a. Forderungen verknüpft ist, so dass jeder Katholik - egal ob Bischof, Priester oder Laie - nun entweder "für" oder "gegen" Reformen sein kann. Dass man angesichts des Totalzusammenbruchs unserer deutschen Kirche mit ihren historisch zu nennenden Austrittszahlen auch ganz andere "Reformgelüste" verspüren könnte - z.B. die Forderung nach einer Erneuerung des Bußsakramentes, nach einer "Reform" der Sakramentenvorbereitung und des Religionsunterrichtes oder nach einer Korrektur der liturgischen Fehlentwicklungen im Sine einer "Reform der Reform" (Benedikt XVI.) - kommt kaum einem in den Sinn. Die Mehrheit hat jetzt einfach einmal festgelegt, wo "vorne" und "hinten" ist. Wer sich diesem Diktat der Mehrheit nicht unterwirft, ist  "rückschrittlich" und eigentlich nicht ernst zu nehmen. Ein geschickter Schachzug, nicht wahr? 

  • Priester, die die vorgebrachten "Reformen" eher skeptisch beurteilen und sich fragen, ob von einer weiteren Liberalisierung des kirchlichen Lebens und ihrer Ordnung wirklich eine Glaubensvertiefung zu erwarten ist (ganz abgesehen von den theologischen Bedenken gegen diese "Reformen"), geraten noch stärker als bisher zwischen die Fronten: Was die Basis fordert (und was de facto ja zu großen Teilen längst gängige Praxis in den Gemeinden ist), gilt bis hinauf in bischöfliche Kreise als Teil einer notwendigen "Reform". Denn selbst besonnenere Oberhirten haben im Zusammenhang mit den Reformforderungen lediglich zur "Geduld" gemahnt oder angedeutet, dass bestimmte Neuerungen nur "weltkirchlich" entschieden werden können. Zurückgewiesen hat sie bisher kaum jemand. Warum nicht das eine oder andere an der "Basis" schon einmal umsetzen, wenn die deutsche Kirche ja angeblich ohnehin dazu berufen ist, hier eine Vorreiterrolle zu übernehmen?
  • Kaum ein Bischof hat sich an seine Priester gewandt, um mit ihnen über die Frage zu sprechen, wie der einzelne Gemeindepfarrer dieses Auseinanderdriften von kirchlichem Glauben einerseits und den Ansprüchen einer "reformfreudigen" Basis andrerseits gerecht werden soll. Niemand wagt mehr zu sagen, dass diese angeblichen "Reformen" in Wahrheit lediglich ein Fortschritt Richtung Abgrund wären, weil sie den Niedergang des Katholischen weiter beschleunigen. (Dies lässt sich - nebenbei bemerkt - an allen christlichen Gemeinschaften, die diesen Weg gegangen sind, mühelos ablesen) Stattdessen werden im  Sinne eines verbissenen "Weiter so" in vielen Diözesen die maßgeblichen Pfarrstellen und andere Posten weiterhin nach der Frage vergeben, ob der Bewerber zum "Reformflügel" oder eher zu den Blockierern, Spaltern oder Bremsern gehört. Damit werden die Fehlentwicklungen der vergangenen Jahrzehnte auf weitere Jahrzehnte festgeschrieben. Welcher junge glaubenstreue Mann wird unter diesen Bedingungen seiner Berufung zum Priestertum folgen?
  • Meine lieben Gläubigen, ich will Sie mit diesen Überlegungen nicht in der Predigt quälen, deshalb dieser Brief. Machen wir uns doch nichts vor: Der Besuch des Papstes hat die "Uneinigkeit in  zentralen Fragen" (was noch sehr zurückhaltend ausgedrückt ist) noch deutlicher zutage treten lassen. Niemand weiß, wohin die Reise gehen wird. Über unserem Land liegt eine schwere, dunkle Decke, und die Stillen im Land sind mittlerweile einfach nur noch verstört, verunsichert, ratlos. Deswegen meine Entscheidung, Sie in der kommenden Zeit vermehrt zum Gebet einzuladen. Beten wir den Rosenkranz, beten wir in der Kirche, beten wir in unseren Familien und im stillen Kämmerlein. Auf diesem Blog werden Sie entsprechende Hilfen finden. Andere - bereits angekündigte Projekte - werde ich zurückstellen. Die Zeit drängt. Und: Allein den Betern kann es noch gelingen.

Ihr NN, Landpfarrer

Bild: Dieses sonderbare Bild der Hochzeit zu Kana (Heimatstadt der Großeltern) hat es mir angetan. "Sie haben keinen Wein mehr", sagt die Immaculata. "Meine Stunde ist noch nicht gekommen" - dieses geheimnisvolle und dunkle Wort des Erlösers fügt sich gut in die leicht düstere und geheimnisvolle Atmosphäre, die der Künstler hier geschaffen hat.

12 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Lieber Hochwürdiger Herr Landpfarrer, Ihre detaillierte Analyse bringt die Probleme wieder einmal auf den Punkt! Danke Ihnen sehr, daß Sie den Weg des offenen Briefes dafür wählen, denn so erreichen, ermutigen und stärken Sie auch die Verstörten, Verunsicherten und Ratlosen in der Ferne! Ganz großen Dank und Gottes reichen Segen!

AGi hat gesagt…

Sie wissen um die volle Zustimmung meinerseits zu dem von Ihnen Geschriebenen, es gibt nur Eines, das ich anders sehe - mag es naiv von mir sein - aber ist allein das Beten wirklich der einzig noch verbleibende Ausweg aus dieser unheilvollen Misere?
Sicherlich, ohne inständiges Gebet und die Hilfe unserer Immaculata wird es nicht gelingen, aber gibt es nicht noch mehr was wir tun müssen, um eine Bewußtseinsänderung in den Köpfen und Herzen der Menschen herbei zu führen?
Wie viele gibt es, die sich allein aus der Neigung zur Anpassung in diesem jämmerlichen Sog mitreißen lassen, die den wahren katholischen Glauben gar nicht kennen, weil sie Zeit ihres Lebens um dieses Wissen und damit um ihr Heil betrogen wurden.
Wenn nun aber diejenigen, die die Wahrheit erahnen, ja sogar erkennen, all jene weiterhin ins Verderben laufen lassen, nur für sie betend, dann betrögen sie doch die Unwissenden auch um ihr Seelenheil, denn wir vermögen doch noch weit mehr für sie zu tun, als nur zu Beten.
Sicherlich ist es zur Zeit besser und wirkungsvoller, zu gewissen Dingen, die ohnehin indiskutabel sind zu schweigen, so wie unser Hl. Vater dies tat. Es gibt aber durchaus auch Dinge, die unserer Rede und unserer Handlung bedürfen, nämlich bei der Hinführung der Menschen zum wahren Glauben.
Hören Sie daher bitte nicht auf, die Menschen mit Ihren Predigten zu "quälen", und auch immer wieder von der Schönheit und Notwendigkeit der Sakramente zu sprechen, selbst dann nicht, wenn Sie es manchmal vielleicht leid sind, denn wenn selbst die geweihten Diener Gottes die Kraft verläßt, was wird dann aus den ihnen Anvertrauten?
Lassen Sie uns bitte ernsthaft Katechese betreiben für all diejenigen, die aus Unwissenheit heraus gar nicht ahnen, was sie schmerzlich vermissen würden wenn sie davon Kenntnis hätten, und man es ihnen dann wieder nehmen wollte.
Denken wir auch an die vielen Kinder die ein Recht auf diese Wahrheit haben, und nicht darum betrogen werden dürfen.
Vielleicht gesundet unsere hl. katholische Kirche dann wieder aus den vermeintlich Schwächsten heraus.
Entscheiden wir uns für das Leiden, und nicht für das Sterben!

ginevra hat gesagt…

Ich habe so viel gelesen zum Deutschlandbesuch des Papstes. Grundlage war eine übersteigerte Erwartungshaltung, die ich von vornherein nicht teilen konnte.
Jetzt fällt mir nur noch ein Zitat aus Goethes Faust ein:
"Der Worte sind genug gewechselt, Lasst mich auch endlich Taten sehen! Indes Ihr Komplimente drechselt, kann etwas Nützliches geschehn"

jolie hat gesagt…

@AGi: volle zustimmung, nichts anderes tun wir ja auch, mit vereinten kräften, z.b. schon am nächsten mittwoch bei einem freundschaftlich-respektvollen ökumenischen dialog über unterschiede und trennendes.
grazie.

Anonym hat gesagt…

Einen Schachzug auf eine selbstgedrechselte Eigenwahrnehmung bzw. eine Unwahrheit aufzubauen ist niemals geschickt. Die Luege erledigt sich selbt.

Es gibt im Endeffekt nur zwei Wege: Umkehr oder Schachmatt. Lassen wir doch die falschen Figuren sich selbst in den Weg stellen und den Weg zum Koenig freigeben.

(Diese Immaculata hat ja rote Haare...Die Haare meiner kleinen Immaculata schimmern mitunter auch roetlich...)

mgg
Maerilu

JHahn hat gesagt…

Tun wir doch das eine, ohne das andere zu unterlassen. Beten wir für die Ungehorsamen und brennen wir für die Gehorsamen ...

Eugenie Roth hat gesagt…

MERCI.

lylan hat gesagt…

"Nur" beten?
Leute, beten ist das Alleraller-allerwichtigste!
Lasst uns glauben an Seine Hilfe,
Seine Gnade erbitten, ja, erflehen!

Gott schenkt sich uns, wenn wir zur Demut gefunden haben. Erst dann.
Weil wir vorher nicht die Wahrheit begreifen können.

Anonym hat gesagt…

Wie treffend Sie das unwürdige Possenspiel unserer Bischöfe sachlich schildern.

Danke
für die Stärkung, Ermunterung und Aufforderung zum Gebet.

Liegt es an uns und unserer Nächstenliebe , für die armen Seelen zu beten und zu bitten, die auf den Abgrund zurennen.

Die Dunkelheit sie kommt mit grossen Schritten auf uns zu, ist schon so sehr zu verspüren.

Der Rosenkranz, das Gebet unserer Immaculata hat schon so viele Wunder bewirkt, vermag ALLES.

Danke Ihnen sehr und hoffe, dass viele Ihrem Ruf folgen, und sich auch Pro Immaculata anschliessen werden.

MTA hat gesagt…

Es ist so vieles gesagt was zu tun sei.
Lassen Sie uns beten, aufopfern, Leiden und das in täglicher Treue.
J.K. betete:
Komm heiliger Geist mit deinen Flammen, kehr bei uns allen ein, ein Herz lass uns zusammen und eine Seele sein.

Anonym hat gesagt…

Zitat aus Papstpredigt in Freiburg:

"Liebe Gläubige! Demut ist eine Tugend, die in der Welt von heute und überhaupt in der Welt zu allen Zeiten nicht hoch im Kurs steht. Aber die Jünger des Herrn wissen, dass diese Tugend gleichsam das Öl ist, das Gesprächsprozesse fruchtbar, Zusammenarbeit möglich und Einheit herzlich macht."

Der Papst hat also doch vom Dialog- bzw. Gesprächsprozess gesprochen! Dummerweise mit Hinweis auf die Tugend der Demut. Vielleicht kann sich deshalb kaum einer daran erinnern ...

Asmus hat gesagt…

stimme weitgehend zu, glaube aber, dass es doch "Kompromisse" geben muss von allen Seiten

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