Frankfurter Trilogie oder: Nachdenken über Berufung Teil eins

Wenn NN. einen ihrer berüchtigten Schreikrämpfe zelebrierte, zog der Knirps sich in sich selbst zurück (das lernte er damals), kaute an der Oberlippe und begann, die Tasten des Steinways zu zählen: Weiß-Schwarz-Weiß-Schwarz-Weiß-Weiß-Schwarz und so weiter. Irgendwann wird sie schon aufhören, dachte er, während er mit verträumten Blick durch sie hindurchschaute. Dabei stellte er die Pupillen so lange auf unendlich, bis er nur noch ein blitzendes Brillengestell sah, das vor seinen Augen auf- und niedertanzte.

Es gab kein Entrinnen: Zwei Steinways, eine Neonröhre, Doppeltüren - sonst nichts. Eine Zelle also. NN. - die Unverheiratete - war mit dem Steinway irgendwie "verheiratet". Sie wirkte dabei weder glücklich noch traurig. Erst heute hat er die Phantasie, sie wollte irgendetwas "sühnen" - aber was? Er hat es nie erfahren. (Damals wusste er noch nicht, was das ist - sühnen. Aber das Gefühl, der "Geschmack" - war da.)

Hin und wieder gab es Momente, da es ganz "leise" wurde in diesem lindgrünen Raum (dessen Geruch er jederzeit abrufen kann). Manchmal nur ein Ton, ein Wort, eine Geste. Ein Blick. In das Unendliche hinein. Das konnte sie. Sie konnte einen Ton - "leise machen". Der Steinway zerfloss wie Wachs. Und der Knirps - mittlerweile ein Pubertierender geworden - hielt den Atem an. Sie sprach nie über Privates. Aber in diesen Momenten ahnte er den Weltinnenraum ihres gemarterten Herzens. Einmal drückte sie ihm in ihrer  emotionslosen Weise Schuberts "Winterreise" in die Hand. "Das musst du hören", sagte sie, denkt er. Seitdem hört er - sie.

Als er ihr unterbreitete, den Steinway an den Nagel zu hängen und Priester werden zu wollen, hatte er sich schon vorsorglich in seine äußerste Fußzehe zurückgezogen. Und erwartete - im sicheren Versteck und deshalb mit dem Gefühl satter Überlegenheit - ihren letzten, ultimativen Schreikrampf. Hehehe...

Doch es kam anders: Ein Blick, forschend. Stille. Wachsweichwerdender Augenblicksmoment: "Ja und?  Ich verstehe das", sagte sie leise. Drehte sich um. Und ließ ihn stehen.

Ich habe ihr unrecht getan, denkt er an die längst Verstorbene. Wir haben uns nicht verstanden. Aber wenn sie "leise" war: Da hat sie eine Tür aufgemacht, durch die ich gegangen bin - später.

Er hat sie nie wieder gesehen. Und den Steinway seitdem nie wieder angerührt. Er will...

...sie nicht aufwecken.

Bild: Über diese berühmte Brücke schritt er jahrelang. Stets ist das Knirps-Gefühl auch heute noch abrufbar.

Kommentare:

ginevra hat gesagt…

Ich bin beeindruckt!

@-->--

Anonym hat gesagt…

Nachdenken über Berufung,

wenn man die eigene Berufung einmal verspürt hat, wird das Nachdenken und Versuchen dieser Berufung zu folgen niemals mehr aufhören.

Eine Triologie kann gar nicht begreiflich machen, was und wie man verändert wird.
Diese unendlich vielen Schritte und auch Rückschläge bis zu dem JA-sagen zur Berufung, zu dem man geführt wird.

Vieles begreift man erst oftmals später, doch man hat es schon verspürt, es war einfach "da".

Es kann nur ein Versuch sein, einen Hauch des Weges dem Ruf der Berufung zu folgen, zu erhaschen.

Es ist als normaler, einfacher Mensch schon so schwer - um wievieles schwerer für einen Priester.

Danke, daß Sie uns solch private Einblicke schenken.

Meine Gebete begleiten Sie.

ginevra hat gesagt…

PS: Zu Ihrem Blogbeitrag fällt mir heute, am Geburtstag von Paul McCartney, einer seiner Songs ein:
"Ebony and Ivory".

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