Frankfurter Trilogie oder: Nachdenken über Berufung Teil zwei

Während seines Zivildienstes hatten es die Evangelikalen auf ihn abgesehen: Ob er sich eigentlich schon "für Jesus" entschieden oder wenigstens Interesse habe, die Bibelstunde zu besuchen?

Als der eher verschlossene WG-Bewohner abwinkte und sich mitsamt Darjeeling (second flush) im Zimmer verbarrikadierte, wurden die Flyer (die man damals noch Handzettel nannte) unter der Türe hindurch geschoben. Er schlürfte betont lässig seinen Darjeeling, so dass man es vermutlich bis auf den Gang hörte. Aber - mit der Lässigkeit wars eigentlich vorbei.

Marienverehrung sei übrigens unbiblisch, teilte ihm der gnadenlos lächelnde Zimmernachbar kurz darauf mit. Und ob sie nicht vielleicht doch einmal .... wenigstens jetzt ... in der Bibel lesen sollten?

Nein (schlürf).

Er ging nicht zur Bibelstunde, sondern mitsamt Pfeife und Rilke ins Café - leicht zu verstehen. In Prediger NN. (er war in der Einrichtung nur geduldet, da er angeblich nicht "erweckt" und "gläubig" war) fand er einen Verbündeten. Einen, der zuhörte. NN. wollte nichts - das machte ihn so anziehend.

Außenseiter sie beide. Der eine - sammelte gerade mühevoll die Beziehungsscherben einer zerbrochenen Liebe ein. Der andere - hatte sich schlürfend und rauchend ins Café verkrümelt und vermutete, dass das Menschenschicksal mit all seiner Lebenslast jeden Gott zwangsläufig erdrücken musste. Beide fragten sich irgendwie, ob es eine Religion gäbe, die all das zusammenbinden könne, was man auf Erden stets zerrissen vorfand:  Die Kunst, das Leiden, die Liebe - die Schönheit. Das ganze Leben halt.

Es erschien ihm damals unmöglich, diese Frage zu beantworten. Hatte NN. wirklich die gleichen Fragen? überlegt er heute. Zumindest widerstand er der Versuchung, zu antworten. Und - dadurch öffnete dieser eine Tür, durch die jener später hindurchging.

Sonderlich fromm war er damals eigentlich nicht. Aber die "wissende" Äußerung seines Zimmernachbarn  ("unbiblisch") hatte ihn aufgeschreckt. Er wusste nicht viel vom Glauben. Aber dass SIE die Schönheit sein musste....

....das ahnte seine Musikerseele. Und diese Ahnung verteidigte er mit jener liebenswerten Verbissenheit, die es nur in jungen Jahren gibt.

Er begann, IHRE Schönheit zu suchen. Und er entdeckte sie überall - in Bildern, in der Musik, am meisten jedoch, wenn er halbe Nächte in der NN.-Kirche die leicht asthmatische Orgel traktierte. Auf einmal WUSSTE er: Sie war stark genug, alles aufzunehmen: Die Kunst, die Liebe, das Leiden. Weil sie "schön" war. Wie jene gotischen Kathedralen, die bevölkert sind von allen denkbaren und undenkbaren Lebewesen. Und die dennoch - oder: deshalb? - schön sind. 

Als er dies zum ersten Mal bemerkte, staunte er nicht schlecht. Nun schämte er sich: Wie kann man nur so gering von seiner Mutter denken. Muss sie nicht größer und schöner sein als alle ihre Kinder zusammen?

Bild: Die Schifferstraße nahe der charakteristischen Brücke gab dem renommierten Krankenhaus seinen Namen. Im Nachhinein ist er allen dort sehr dankbar. Ohne sie wäre sein Weg anders verlaufen. Ob NN. noch lebt?

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Einfach nur ein großes, großes DANKE!!!

Roger Michael hat gesagt…

Ein herzliches Vergelt's Gott!

Huppicke hat gesagt…

Als ich Anfang der 90er studiert hab, sprach mich mehrmals eine junge Frau an und wollte mich zur Bibelstunde einladen. Ich freute mich zuerst und erzählte von mir. Als ich erwähnte, dass ich Maria verehrte, sagte sie abfällig, ich werde nie den Tonfall vergessen: "Jaja. Aber diese Leute sind ja tot." Jesus sei das Leben. Letzteres stimmt, aber sie mit ihrer Gruppe kam für mich nicht mehr in Frage.

In letzter Zeit kam es mir auch manchmal vor, als würden viele Katholiken Marienverehrung als eine minderwertige Frömmigkeit betrachten.
Das macht mich traurig.

Freundliche Grüße von Huppicke

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