Frankfurter Trilogie oder: Nachdenken über Berufung Teil drei



In den Kompositionskursen bezeichneten sie NN. als "arrogant" - man blickte zu ihm auf in einer Mischung aus ehrfürchtiger Scheu und Distanz. Man mied ihn - wie man einen Turm meidet, von dem man fürchtet, er könne einstürzen und alles unter sich begraben.

So hatten sie Angst: Angst, von seiner monströsen Begabung erdrückt zu werden, wenn er einmal fiele.

Wenn er lässig am Steinway flegelte und mit der linken Hand Zwölfton-Kaskaden diktierte, während er gleichzeitig über eine bestimmte Passage in Weberns Orchesterstücken philosophierte (die niemand außer ihm im Ohr hatte, auch wenn alle so taten), dann wussten seine Schüler nicht, ob sie ihn hassen oder lieben sollten. Die meisten - sie blieben indifferent.

Ein junger Möchtegernkomponist entschied sich damals, ihn zu lieben. Wenn das Institut längst geschlossen war, empfing der Meister den aufgeregten Abiturienten mit Notenkladden unter dem Arm zur Privataudienz. Ein flüchtiger Blick in die Partitur - und die Arbeit mehrerer Wochen war zunichte gemacht. Dem Schüler war es, als stürzte eine Welt ein. Aber als er genauer hinsah, erkannte er: Es waren nur Bauklötzchen gewesen. Komponieren war eben kein Feierabendvergnügen, sondern - eine Form von "Besessenheit". Sollte er etwa traurig sein, dass er sie nicht besaß? Musste er sich sehnen nach etwas, das offenkundig doch ein Fluch war?

Stattdessen trafen Sie sich privat. Der gebürtige Wiener vertraute sich dem jungen Priesteramtskandidaten an. Um Musik ging es dabei nie. Stattdessen erzählte NN. vom grausamen Erziehungssystem der österreichischen Knabenkonvikte und von den dunklen Fluren der Kollegiatsstifte. Unheilbare Lebenswunden. Es war, als suchte er im Kontakt mit dem jungen Seminaristen - Heilung. Dieser hörte zu - und konnte nicht helfen.

Aber: Damals schwor er sich, stets zu trennen zwischen der Religion und dem, was die "Spießer" (so nannte er sie damals) daraus gemacht hatten. Denn die Spießer waren offenbar stets in der Mehrheit: Damals waren sie verklemmt und autoritär gewesen, heute dagegen relativistisch und dialogbesoffen. Dementsprechend sah dann die Kirche aus. Oder besser: das, was sie dafür hielten.

Merkwürdigerweise ahnte er damals, warum es Priester geben MUSSTE auf dieser Welt. NN. hatte für dieses Wissen die Tür geöffnet. Jener sehnte sich nach "Befreiung" (er wusste damals noch nicht, was das bedeutet, der "Geschmack" aber war da). Er wollte nach Hause. Zu IHR, der einzig Schönen. Wollte einmal wieder "Mama" sagen in seinem Leben. Wie ein Kind, dass man geschubst und das sich wehgetan hatte.

Die Gespräche überforderten ihn - und er floh. Sie korrespondierten - weiter durfte er sich NN. nicht nähern Er wollte nicht verbrannt werden - noch nicht. Oder besser: So nicht.

Als er in der Zeitung von NN's Freitod las, nickte er nur kurz. Nie war er so sicher, dass NN. in dem Moment, da er zu Boden stürzte, in die Arme der Mutter zurückgefallen war. Er war auch ihr Kind.

Wenn er diese hübsche Großstadt-Unterführung aus den 60er Jahren betritt (was gottseidank nicht allzuoft vorkommt) ist er NN wieder nahe. Vor 10 Jahren schied dieser aus dem Leben -  der liebe Gott wird seine Musik mögen - ganz sicher.

1 Kommentar:

Gertie di Sasso hat gesagt…

Zum Weinen schön! Danke für die dichterische Zeugniskraft und von Herzen ein R.I.P. für NN.

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